Das Senfkorn ist zum Baum geworden: 50 Jahre Basler Mission/mission21 in Nigeria

Christine Gühne

 

Auf dem Festgelände

Jubiläum unter düsteren Vorzeichen

Es war ein Jubiläum unter zunächst düsteren Vorzeichen: Zwei Wochen vorher war noch unklar, ob das Fest in Gavva anlässlich des 50. Geburtstags der Arbeit der Basler Mission/mission 21 in Nigeria wie geplant mit ausländischen Gästen würde stattfinden können – oder ob aufgrund der Situation im Land Besuche und Reisen unmöglich sein würden: In Bauchi bei Jos und in Maiduguri (zwei Autostunden nördlich von Gavva) hatte die islamistische Sekte „Boko Haram“ Polizeistationen und Regierungsgebäude angegriffen, um inhaftierte Sektenmitglieder zu befreien und ihrem Hass auf die „western education“ im Land Ausdruck zu verleihen. Es kam zu Kämpfen mit Polizei und Militär; insgesamt kamen rund 1'000 Menschen ums Leben. Mehrere Kirchen in der Stadt wurden abgebrannt und gezielt zerstört, auch Kirchenmitglieder der EYN starben in den Auseinandersetzungen (siehe Bericht von Jochen Kirsch). – Zeit für ein Missions- und Kirchenjubiläum?

Die nigerianische Regierung bekämpfte die Sekte massiv und brutal: Die Sektenführer und ein Grossteil der Mitglieder wurden umgebracht. Diese Vorgehensweise machte aus Maiduguri zwar zunächst ein Schlachtfeld, führte dann aber immerhin zu einer Beruhigung der Lage. So konnte das „Golden Jubilee“ stattfinden, doch es trug dadurch einen besonderen Akzent: Allen war klar, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir uns an diesem Ort treffen können. Es wurde deutlich, dass der Tag nicht nur von Rückschau bestimmt sein darf, sondern die aktuelle Erschütterung des religiösen Zusammenlebens in Nigeria mit in den Blick genommen werden muss.

 

Lokale Geschichte und Tradition

Die Anfänge in Gavva

Den Auftakt des Festes bildeten traditionelle Tänze mit Flötenspielern, Trommlern und anderen Gruppen, die die Geschichte und Tradition des Gavva-Stammes lebendig machten: Krieger mit Schild und Pfeil und Bogen ebenso wie Frauengruppen, die Musik und Gesang vorführten.

Danach erinnerte EYN-Präsident Rev. Filibus Gwama an die ersten Basler Missionare Werner Schöni, Wilhelm Scheytt und Otto Schanbacher, die 1959 und in den Jahren darauf mit der Missionsarbeit in den Mandara-Bergen begonnen hatten. Sein herzlicher, tief empfundener Dank war deshalb besonders authentisch, weil diese frühen Anfänge sich mit seiner eigenen Biographie so überaus folgenreich gekreuzt haben: Der jetzige EYN-Präsident war damals einer von acht Mitgliedern der ersten Taufklasse von Gavva, die am Ostermontag 1963 von Werner Schöni im Kamba-Fluss bei Ngoshe getauft wurden. Damit ist seine Lebensgeschichte ein beeindruckendes Beispiel für die Dynamik des Senfkorns, das aufgeht und zu einem Baum wird, unter dem andere wohnen können.

 

Pfr. Jochen Kirsch überreicht die Gastgeschenke

Das Senfkorn ist aufgegangen

Pfarrer Jochen Kirsch, Programmverantwortlicher von mission 21, überreichte der EYN zum Jubiläum eine Kopie des Dokuments aus dem Basler Archiv, das den Beginn der Missionsarbeit in den Mandara-Bergen festhält, und er brachte ein Glas „Goldenen Senf“ aus Basel mit: Frucht der Wachstumsgeschichte, die im Neuen Testament verheissen und nicht nur in der EYN, sondern auch in Deutschland und der Schweiz sichtbar geworden ist. Er erinnerte an die vielen Personen, die sich im Lauf dieser 50 Jahre auf den Weg gemacht haben, um in Nigeria als ökumenische Mitarbeitende, PEPs (Teilnehmende am Professionals Exposure Program) oder Workcamper beim Aufbau der Kirche zu helfen. Herzlich dankte er der EYN für ihre Offenheit und Gastfreundschaft, mit der sie eine solche Zusammenarbeit und ökumenische Partnerschaft über fünf Jahrzehnte hinweg möglich gemacht hat.

Viel ist entstanden aus den ersten Anfängen: der Zusammenschluss mit der Church of the Brethren zu einer selbständigen Kirche, nachdem das Gavva-Tal von der kamerunischen auf die nigerianische Seite gewechselt war, die Frauenarbeit und die Gesundheitsdienste, die theologische Ausbildung in den Bibelschulen und für die Gemeinden, die ländliche Entwicklung und das Alphabetisierungsprogramm, die HIV/Aids-Arbeit und die Friedensarbeit.

Dienst für Versöhnung zwischen Christen und Muslimen und wechselseitigen Mitarbeiteraustausch im internationalen Kontext benannte er als zwei Schwerpunkte der zukünftigen Partnerschaftsarbeit. In diesem Sinne ist die bevorstehende Aussendung einer Christin aus der EYN nach China ein ermutigendes Zeichen dafür, dass unsere ökumenische Beziehung keine Einbahnstrasse ist: Ende dieses Jahres wird Dr. Safiya Doma als Beraterin für HIV/Aids-Arbeit in einer Partnerorganisation von mission21 mit ihrer Arbeit beginnen.

 

Die Menschen besitzen die Gabe, Gott singend und tanzend zu preisen - trotz aller Notlagen!
Traditionelle Tänze in Gavva

Wir brauchen einander, um miteinander zu beten

Als Vertreterin des Vorstands der Basler Mission sprach Renate Müller, die selbst zehn Jahre lang in Gavva gelebt und als Englischlehrerin und als Gründerin des Alphabetisierungsprogramms, das bis heute in Gavva sein Zentrum hat, gearbeitet hat. Sie betonte, dass Beziehung und Partnerschaft auf Vertrauen basieren, und dass dieses Vertrauen nur in der persönlichen Begegnung entstehen kann. Deshalb reicht es nicht aus, aus Europa Spendengelder nach Afrika zu überweisen. Es müssen sich immer wieder Menschen auf den Weg von Nord nach Süd und von Süd nach Nord machen: „Wir brauchen Geld, um miteinander zu arbeiten, aber wir brauchen uns gegenseitig, um miteinander zu beten. Nur so werden wir es lernen, als Brüder und Schwestern miteinander zu leben – was das eigentliche und grösste Ziel unserer Partnerschaft ist.“

Mit dem Gospel „Go tell it on the mountains“ („Geht, ruft es von den Bergen“) erinnerte sie daran, dass die ersten Missionare über die Mandara-Berge ins Gavva-Tal gekommen waren und hier ein zuvor als Schlachtfeld zwischen den Stämmen genutztes Gelände zu ihrem ersten Wohn- und Wirkungsort machten. Auf einem Kampfplatz wurde das Samenkorn des Friedens ausgesät – es ist aufgegangen und hat Früchte getragen.

 

EYN-Präsident Rev. Filibus Gwama hält die Festansprache
50 Jahre Verkündigung des Evangeliums
Froh über dieses Zeichen Gottes:
ein Segens-Regen, der Samenkörner aufgehen lässt

Regen als Zeichen für Gottes Segen in den nächsten 50 Jahren

Aus der EYN, der Kirche der Geschwister in Nigeria, ist eine selbständige Kirche geworden, die für die nächsten 50 Jahre vor grossen Herausforderungen steht: Als Friedenskirche ist sie dazu aufgerufen, im muslimisch geprägten Nordnigeria den christlichen Glauben in Wort und Tat zu bezeugen und den Dialog mit den gemässigten Kräften des hiesigen Islam zu suchen, um fundamentalistische Einflüsse abzuwehren. Weder ein festes Feindbild noch Angst vor dem Islam in den Gebieten, die die Sharia als offizielles Recht eingeführt haben, helfen hier weiter. Die Christen werden aber den Respekt und das Vertrauen der Muslime gewinnen, wenn sie sich nicht in einen aufgeheizten Konkurrenzkampf um die Macht hineintreiben lassen, sondern geduldig durch ihren Dienst an den Menschen weiterhin Samenkörner des Friedens aussäen und auf dieser Grundlage ihre Stimme im Land dann auch politisch glaubwürdig zu Gehör bringen. Solche Samenkörner werden Früchte hervorbringen und um sie auszusäen, wird Partnerschaft mit Europa und Unterstützung durch mission 21 auch in Zukunft wichtig und im wahrsten Sinne des Wortes notwendig sein.

Herausfordernd für die EYN ist aber nicht nur die äussere Situation. Denn die „afrikanischen Krankheiten“ wie Tribalismus, Korruption und Big-Man-Syndrom machen auch vor den Kirchentüren der EYN nicht Halt. Was heisst es in dieser hierarchisch und patriarchalisch geprägten Kultur, eine basis- und gemeindeorientierte Kirche von Geschwistern zu sein? Das ist die spannende Frage, die für die nächsten 50 Jahre genügend Stoff zum Denken, Beten und Arbeiten gibt: Welche Samenkörner wird die Kirche auf dem Feld ihrer eigenen Kultur aussäen?

Es bleibt am Ende, der EYN bis zum hundertsten Jubiläum Gottes Segen zu wünschen, damit sie unter seinem Schirm den äusseren und inneren Herausforderungen ihrer Situation begegnen kann und es nie verlernt, ihn trotz aller Notlagen singend und tanzend zu preisen. Echte Freude, Dank und Lob unter härtesten Lebensbedingungen zum Ausdruck zu bringen, ist wohl eine ihrer grössten Gaben, die sie in die ökumenische Begegnung einbringen kann und von der die europäischen Partner auch in Zukunft viel werden lernen können!

Dass das Jubiläumsfest am 15. August 2009 in Gavva (einem ansonsten für wüstenähnliche Trockenheit, extreme Hitze und Wassermangel wohlbekannten Ort) in Dauerregen und Nässe mehr versank als stattfand, werteten vor allem die nigerianischen Anwesenden denn auch froh als Zeichen für den reichen Segen, den Gott heute und in Zukunft über sie ausschütten wird: ein Segens-Regen, der Samenkörner aufgehen lässt.