Aktueller Bericht zu "Boko Haram": Hintergründe und Folgen

Jochen Kirsch (Stand: August 2009)

Pfarrer Jochen Kirsch hat im Rahmen seiner Reise zu den Jubiläumsfeierlichkeiten auch die Schauplätze der Unruhen in Maiduguri besucht. In Gesprächen mit Betroffenen und Vertretern von Politik und Religion hat er aus erster Hand erfahren, wie die Menschen vor Ort die Ereignisse erlebt haben und welche Folgen diese nach sich ziehen. In der Tradition der EYN als Friedenskirche wird mission 21 mit dem geplanten interreligiösen Friedensprogramm die Bemühungen der Bevölkerung um ein friedliches Zusammenleben tatkräftig unterstützen.

 

Die öffentliche Versorgung mit Wasser wird zunehmend zu einem Problem.
Die Überreste der EYN-Kirche in Maiduguri/Wulari.
Die Pfarrer Mdurvwa und Kirsch mit Frauen aus der EYN-Gemeinde.

Die aktuelle Situation in Nigeria

Die Stimmung im Land ist zur Zeit recht einheitlich schlecht und pessimistisch: Nach der verhaltenen Aufbruchstimmung nach den Wahlen, die sich mit der Geschichte und Persönlichkeit des neuen Präsidenten Umar Yar’Adua verbunden hatte, ist die Enttäuschung und generelle Politikverdrossenheit grosser Teile der Bevölkerung nun umso grösser. Nach wie vor hat man das Gefühl, die wachsenden Sorgen und Nöte der Menschen würden von Politik und staatlichen Institutionen nicht ernst genommen und hinter wohlfeilen Worten würde stillschweigend vor allem in die eigene Tasche gewirtschaftet. Diese Stimmung bildet nicht zuletzt auch einen fruchtbaren Nährboden für die Entwicklung gewaltbereiter Gruppierungen wie die islamistische Sekte "Boko Haram".

>>> mehr zu "1. Die aktuelle Situation in Nigeria"

 

"Boko Haram"

Boko Haram wurde 1995 in Kano gegründet und bedeutet soviel wie "westliche Erziehung ist Sünde": der Sektenführer Mohammed Yusuf sieht als Hauptursache für die gegenwärtigen Schwierigkeiten in Nigeria das westliche Kultur- und Bildungssystem, das Politik, Wirtschaft und Gesellschaft korrumpiere. Damit richtet sich seine Bewegung in erster Linie gegen Vertretungen des staatlichen Establishment (Regierungsgebäude, Behörden, Polizeistationen, Schulen etc.), in zweiter Linie aber potentiell auch gegen Kirchen (als Vertretung des falschen Glaubens und vermeintlich westlicher Kultur) sowie gegen muslimische Einrichtungen, die in ihren Augen den Islam „verwässern“.

>>> mehr zu "2. Boko Haram"

 

Die Perspektiven

In Jos und Mubi ist die Sicherheitslage nach wie vor stabil. Unsere Ökumenischen Mitarbeitenden waren zu keinem Zeitpunkt der Unruhen in unmittelbarer Gefahr. Wir bleiben auch weiterhin in engem Kontakt mit kompetenten Vertretern von Kirche und Staat und behalten die weitere Entwicklung sorgfältig im Auge.

Gerade in Maiduguri wurde überdeutlich, wie sehr die gesamte Bevölkerung der Stadt unter dem Terror von Boko Haram zu leiden hatte und die Folgen wohl noch auf Jahre hinaus für alle spürbar sein werden. Angesichts der aktuellen Ereignisse ist nun auch auf staatlicher Seite das Bestreben erkennbar (oder zumindest hörbar), die bisherigen Bemühungen um eine christlich-muslimische Verständigung zu verstärken. Ein beispielhaftes Zeichen dafür war das gemeinsame Vorgehen von Politik, muslimischer und christlicher Gemeinschaft in Mubi: So patrouillierten in Absprache mit den staatlichen Sicherheitskräften während der Zeit der Unruhen christliche und muslimische Zivilisten gemeinsam vor Mubis Kirchen und Moscheen.

Ergänzend zur langjährigen Friedensarbeit der EYN sowie diversen Programmen zur Armutsbekämpfung und Advocacy möchte mission 21 die derzeit ernsthaften Friedensbemühungen der Bevölkerung im Rahmen eines mit der EYN geplanten interreligiösen Friedensprogramms aufnehmen und verstärken. "Solche Samenkörner werden Früchte hervorbringen und um sie auszusäen, wird Partnerschaft mit Europa und Unterstützung durch mission 21 auch in Zukunft wichtig und im wahrsten Sinne des Wortes notwendig sein."

>>> mehr zu "3. Die Perspektiven"