1. Die aktuelle Situation in Nigeria

Die öffentliche Versorgung mit Wasser wird zunehmend zu einem Problem. Wer es sich leisten kann, bohrt spätestens jetzt seinen eigenen Brunnen.

Die Stimmung im Land ist einheitlich schlecht und pessimistisch: Im Laufe der letzten beiden Jahre seit den Wahlen sind Inflation (Inflationsrate offiziell ca. 13%, faktisch auf dem Markt eher das doppelte) und Lebenshaltungskosten weiter enorm gestiegen, d.h. die Preise für zentrale Lebensmittel, Benzin, Strom sowie Zement, Kleider, Wohnungsmieten etc. Ernteausfälle durch eine erneut verspätete und verkürzte Regenzeit mit verminderten und inkonsistenten  Niederschlägen verstärken die existentielle Not der Landbevölkerung und lassen die Lebensmittelpreise zusätzlich ansteigen.

Auch die staatliche Infrastruktur hat entgegen allen offiziellen Absichtserklärungen weiter enorm abgebaut: Die Versorgung mit Strom ist mittlerweile selbst in der Hauptstadt Abuja völlig umzureichend und unzuverlässig. Auch die öffentliche Versorgung mit Wasser wird zunehmend zu einem Problem; wer es sich leisten kann, bohrt spätestens jetzt seinen eigenen Brunnen. Ebenso haben die Qualität und Verfügbarkeit staatlicher Schulen sowie des Gesundheitssystems in den letzten Jahren ungeahnte Tiefststände erreicht. In diesem Zusammenhang wird aktuell gerade eine Erhöhung der Schulgebühren für Universitäten diskutiert, die es sogar Mitgliedern der vergleichsweise dünnen Mittelschicht Nigerias in Zukunft nahezu unmöglich machen würde, ihren Kindern eine akademische Ausbildung zu ermöglichen. Hintergrund sind neben der Situation auf dem Weltmarkt und den allmählich einsetzenden ersten Folgen der Weltwirtschaftskrise insbesondere staatliches Missmanagement und Führungsschwäche des kränkelnden Präsidenten sowie die allen verbalen Aktionsplänen des Präsidenten zum Trotz nach wie vor wachsende Korruption und nationale Kartelle.

Vor dem Hintergrund dieser wirtschaftlichen und politischen Entwicklung sowie dem faktisch weit verbreiteten Zugang von Menschen zu leichten und mittleren Handfeuerwaffen hat sich auch die allgemeine Sicherheitslage innerhalb Nigerias in den vergangenen beiden Jahren weiter verschlechtert, und es ist davon auszugehen, dass sich diese Tendenz auch in den nächsten Jahren fortsetzen wird.

Nach der verhaltenen Aufbruchstimmung nach den Wahlen, die sich mit der Geschichte und Persönlichkeit des neuen Präsidenten Umar Yar’Adua verbunden hatte, ist die Enttäuschung und generelle Politikverdrossenheit grosser Teile der Bevölkerung nun umso grösser. Nach wie vor hat man das Gefühl, die wachsenden Sorgen und Nöte der Menschen würden von Politik und staatlichen Institutionen nicht ernstgenommen, und hinter wohlfeilen Worten würde stillschweigend vor allem in die eigene Tasche gewirtschaftet. Dies macht sich neben dem vom Präsidenten gross angekündigten missglückten Kampf gegen Korruption u.a. auch am aktuellen Umgang der staatlichen Exekutive von Polizei und Militär mit den Unruhen im Nigerdelta fest. Die offizielle „Friedensinitiative“ des Präsidenten in seiner 7-Punkte-Agenda stellt unter anderem fest, dass der Protest der Bevölkerung im Niger-Delta berechtigt ist, wenngleich auch nicht in seiner gewaltsamen Form. Im Widerspruch dazu werden jedoch vom Militär im Nigerdelta in der Verfolgung vermeintlicher Rebellen auch weiterhin unterschiedslos ganze Dörfer bombardiert und dem Boden gleichgemacht, statt sich um Ursachenforschung, Ausgleich und Vermittlung sowie um differenzierte, angepasste Interventionen zu bemühen. Ähnliche Vorwürfe werden nun auch im Umgang der Staatsorgane mit der muslimischen Boko Haram Sekte erhoben (siehe unten), wo Polizei und Militär vom Präsidenten angewiesen worden waren, der Anhängerschaft von Boko Haram verdächtigte Personen auch nach Beendigung der aktuellen Unruhen kurzerhand zu erschiessen (ebenso wie deren Führer Mohammed Yusuf selbst – sei es als Akt von Selbstjustiz oder um dessen einflussreiche Hintermänner zu decken). Auch im alltäglichen Vorgehen der Polizei ist immer wieder ein ähnliches Schema zu beobachten: „Die Kleinen hängt man und die Grossen lässt man (gegen ein kleines Schmiergeld) laufen“, etwa bei den vielen mittlerweile aus Sicherheitsgründen errichteten Polizeikontrollen: Gegen ein kleines aus dem Autofenster gereichtes Trinkgeld werden Autos unbekannten Inhalts anstandslos durchgewunken, während kleine Taxifahrer von der Polizei vor aller Augen aus den Autos gezerrt und allerlei Tritten und Erniedrigungen ausgesetzt werden, bevor sie eine hohe, willkürlich festgesetzte (und für die Privatschatulle der Beamten bestimmte) Geldstrafe zu bezahlen haben.

Diese generelle Unzufriedenheit und Frustration bietet nicht zuletzt auch islamistischen Gruppierungen wie Boko Haram einen fruchtbaren Nährboden.


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