3. Die Perspektiven

In Jos und Mubi ist die Sicherheitslage weiterhin stabil. Unsere Ökumenischen Mitarbeitenden waren zu keinem Zeitpunkt der Unruhen in unmittelbarer Gefahr. Wir bleiben nach wie vor in engem Kontakt mit kompetenten Vertretern von Kirche und Staat und behalten die weitere Entwicklung sorgfältig im Auge.

Als Reaktion auf die jüngsten Unruhen in Jos und in Maiduguri sind zwei gegenläufige Tendenzen zu beobachten:

1. In Sorge um ihre Sicherheit ziehen sich Christen und Muslime zunehmend in rein christlich bzw. muslimisch geprägte Wohnviertel zurück. Gleichzeitig sammeln viele Menschen Waffen in ihren Häusern an, um sich im Konfliktfall verteidigen zu können. Zitat des nigerianischen Kirchenbundes CAN (Juli 2009): „We must not be caught pants down again. We must apply the key God has given us – discerning aright and fighting back spiritually and physically to protect our territories.”

Damit nehmen die direkten alltäglichen Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Christen und Muslimen ab, und es steigt die Wahrscheinlichkeit gegenseitiger Missverständnisse sowie des Aufbaus von Ängsten, Verdächtigungen und Bedrohungsszenarien. Gewaltsame Zusammenstösse zwischen Christen und Muslimen würden damit in Zukunft  wahrscheinlicher – und aufgrund der zunehmenden Bewaffnung noch blutiger.

2. Gleichzeitig haben nicht zuletzt die Vorgänge um Boko Haram ein spürbares Erschrecken in weiten Kreisen der muslimischen Bevölkerung ausgelöst. Zum ersten Mal haben sich auch in aller Deutlichkeit die verschiedenen muslimischen Dachorganisationen in Nigeria (Jama’atu Nasril Islam Fatwa Commission (JNI) und der Höchste Rat für Islamische Angelegenheiten (Supreme Council of Islamic Affairs: NSCIA) unter Vorsitz des Sultans von Sokoto sowie das Arewa Youth Forum gegen die Lehre und das Vorgehen der „teuflischen Gruppe namens Boko Haram“ ausgesprochen, die in keiner Weise mit dem Islam zu vereinbaren seien. Auch die meisten muslimischen Kleriker teilen öffentlich diese Meinung.

Wie ernst es ihnen damit tatsächlich ist oder inwieweit es sich dabei lediglich um politischen Opportunismus handelt, vermag ich nicht zu sagen. Nach Meinung vieler meiner Gesprächspartner, politischen wie religiösen Führern, besteht nun jedoch zum ersten Mal seit langem die Chance, die wachsende kollektive Gegenüberstellung von Christen und Muslimen aufzuweichen, das Schweigen der gemässigten Mehrheit der Muslime zu den Aktivitäten extremistischer Minderheiten zu durchbrechen und zu fragen: Wer sind denn die wirklichen Unruhestifter? Wem nutzen sie tatsächlich – und wem nicht? Wie können wir gemeinsam die öffentliche Ordnung aufrechterhalten?

Gerade in Maiduguri wurde überdeutlich, wie sehr die gesamte Bevölkerung der Stadt unter dem Terror von Boko Haram zu leiden hatte und die Folgen wohl noch auf Jahre hinaus für alle spürbar sein werden. Zunehmend werden in muslimischen Kreisen Stimmen laut, die eine Kontrolle von Predigt und Lehre in ihren Moscheen und Koranschulen fordern, um solcherlei extremistischen Lehren und Aufstachelung zur Gewalt im Namen des Islam in Zukunft kein Forum mehr zu bieten. „Islam cannot advocate intolerance and violence and will never condone the activities of any group which promotes murder and arson.“ (aus der Presseerklärung des Sultans von Sokoto vom 5.8.09).

Auch auf staatlicher Seite ist angesichts der aktuellen Ereignisse das Bestreben erkennbar (oder zumindest hörbar), die bisherigen Bemühungen um eine christlich-muslimische Verständigung zu verstärken. Bereits 1999 wurde vom damaligen Präsidenten Obasanjo ein Nationaler Interreligiöser Rat (NIIREC: Nigerian Interreligious Council) eingeführt: ein Gremium unter geteilter Leitung des Vorsitzenden des nigerianischen Kirchenrates (CAN) und des Sultans von Sokoto aus je 25 christlichen und muslimischen Führern zur Überwachung von Predigt und Lehre. Wo dies noch nicht geschehen ist, soll dieser Rat nun auch flächendeckend in allen einzelnen Bundesstaaten eingeführt werden. 

Daneben hat die Regierung des Staates Borno (in dem u.a. auch die Konfliktregionen Maiduguri und Biu gelegen sind) die Einführung eines von Christen und Muslimen paritätisch besetzten „Preaching Regulatory Board“ angekündigt, das ebenfalls Predigt und Lehre der Religionsgemeinschaften überwachen und Aufrufe zur Gewalt unterbinden soll. Ein ähnliches Gremium in Kaduna, Kwara und anderen Staaten dient dort bereits seit längerem als Basis für den Dialog zwischen christlichen und muslimischen Religionsführern.

Beispielhaft war für mich das gemeinsame Vorgehen von Politik, muslimischer und christlicher Gemeinschaft in Mubi: So patrouillierten in Absprache mit den staatlichen Sicherheitskräften während der Zeit der Unruhen christliche und muslimische Zivilisten gemeinsam vor Mubis Kirchen und Moscheen, um miteinander Zeichen zu setzen und eine Ausbreitung der Gewalt zu verhindern. Bereits seit längerem lässt der hiesige Emir Predigt und Lehre in allen Moscheen und Koranschulen seines Herrschaftsbereichs auf extremistische Tendenzen hin kontrollieren, die geeignet sind, zur Gewalt aufzurufen. Und auch die Kirchen in der Region setzen sich mit Nachdruck dafür ein, auf Vergeltungsschläge zu verzichten und sich gemeinsam für den Frieden einzusetzen.

Frauen vor den Ruinen ihrer von Boko Haram ausgebombten Kirche in Maiduguri/Wulari; links Jochen Kirsch, rechts Gemeindepfarrer Yuguda Z. Mdurvwa.

Wie auch immer man diese Stellungnahmen, Massnahmen und Ankündigungen nun im einzelnen bewerten mag – Eines ist offensichtlich: Vor dem Hintergrund des allgemeinen Erschreckens über die aktuellen Ereignisse rundum Boko Haram gibt es derzeit mehr und ernsthaftere Anknüpfungspunkte als in vielen Jahren zuvor, die bislang schweigenden grossen Mehrheiten von Christen und Muslimen gegen extremistische Tendenzen in beiden Lagern zusammenzuführen und zu einer nachhaltigen Weiterentwicklung und Vertiefung christlich-muslimischer Zusammenarbeit zu gelangen.

Diese Dynamik möchte mission 21 – ergänzend zur bisherigen langjährigen Friedensarbeit der EYN sowie diversen Programmen zur Armutsbekämpfung und Advocacy – auch im Rahmen eines seit einigen Monaten mit der EYN in Planung befindlichen interreligiösen Friedensprogramms aufnehmen und verstärken. Im November ist dazu ein gemeinsames Planungsforum von Christen und Muslimen vorgesehen, das die genaueren Ziele und Inhalte festlegen soll. Anfang Januar 2010 soll das Programm dann seine Arbeit aufnehmen. Folgende Grobziele und wesentlichen Elemente sind dabei vorgesehen:

1.     Das Programm soll von Anfang an von Christen und Muslimen gemeinsam geplant, geleitet und durchgeführt werden.

2.     Es beinhaltet neben Gremienarbeit zur gegenseitigen Abstimmung und zum Aufbau von beiderseitigem Vertrauen vor allem auch konkretes Handeln, u.a. in den Bereichen Konfliktprävention (z.B. Armutsbekämpfung), post-traumatische Konfliktbearbeitung etc.

3.     Es beinhaltet das Element gegenseitigen Eintretens von Christen und Muslimen füreinander (mutual advocacy).

4.     Frauen und Jugendliche nehmen gleichberechtigt teil.

In einer anfänglichen Pilotphase wird sich das Programm auf christlicher Seite zunächst auf den Bereich der EYN als traditioneller Friedenskirche beschränken. In einem zweiten Schritt ist dann eine weitere Öffnung in die gesamte Gemeinschaft des Verbands evangelischer Kirchen in Nigeria (TEKAN) vorgesehen.